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Slovanský ostrov

Abends, kaum, dass sich nach dem Regenschauer die Sonne zeigt, belebt sich die Slawische Insel. Jogger umrunden sie, Besucher kehren in die Restaurants neben der Manés-Galerie oder auf der Terrasse des Žofín-Palastes ein, junge Menschen sitzen in kleinen Gruppen mit Bierdosen am Moldau-Ufer, am Bootsverleih dümpeln oldtimer- und schwanenförmige Tretboote, Kindergeschrei ertönt über dem Spielplatz und Latinomusik von der Wiese dahinter, wo sich Paare zum Salsakurs unter freiem Himmel versammeln.

Nur morgens ist es auf der Insel still.

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Ankunft

In den blauen Waggons der České dráhy von einer Endstation zur anderen gefahren. Die Linie wird von Klassenfahrtsgruppen und Interrail-Reisenden frequentiert. Nach Bad Schandau ändern sich die Durchsagen und die Sprache des Zugpersonals. Alle Mitreisenden im Abteil sind nun unterwegs nach Prag. Man unterhält sich: Wo seid ihr losgefahren? Was macht ihr? Wie lange werdet ihr in der Stadt bleiben? Alle anderen zählen die Aufenthaltsdauer in Nächten. Persische Pfirsich-Zimtkekse und Trockenobst (Alu) werden zum Probieren herumgereicht.

Vom Prager Hauptbahnhof zur Stipendiatenwohnung sind es mit U- und Straßenbahn etwa 15 Minuten. Fünf Türschlösser müssen geöffnet, 139 Stufen hinaufgestiegen werden. Oben angekommen belohnt spätestens der Blick aus dem Fenster: geradeaus auf die Slawische Insel und die Moldau, links auf das Tanzende Haus und die Jiráskův most (Jirásek Brücke), rechts auf das Nationaltheater und die most Legií (Brücke der Legionen).

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Erkundung, flusswärts

Von Juliana Kálnay. 

Nachts verschwimmen die Linien der Häuser hinter den Fensterscheiben und das Laternenlicht wird wässrig und dumpf. Wenn wir in den frühen Morgenstunden hinaustreten, ist das Kopfsteinpflaster immer noch feucht. Tagsüber gehen wir die Gegend erkunden. Wir packen Wasserflaschen ein und eine kleine Tasche mit dem Nötigsten. Dann teilen wir uns auf und verabreden einen Treffpunkt. Wenn Stella links geht, muss ich rechts gehen und umgekehrt. Öffentliche Verkehrsmittel sind nicht erlaubt, beim Auto zu warten ebenso wenig. Meistens mache ich mich auf die Suche nach einem Park oder einer Bank am Fluss. Einmal gelangte ich sogar über eine Brücke auf die Schützeninsel, ein grüner Fleck inmitten der Moldau, auf dem man an Abend sogar unter freiem Himmel Filme sehen konnte. Doch ich blieb auf meiner Bank, lauschte dem Rauschen des Wassers und fühlte mich dabei seltsam beruhigt, wenn ich an die Vodníks dachte, jene Wassergeister, die die Seelen der Ertrunkenen bewachen. Immer wieder hatte mir Stella von den hundert Legenden der Stadt erzählt. Als die Sonne anfing, unterzugehen, lief ich zurück zum Auto. Was Stella bei ihren Erkundungen macht, weiß ich nicht. Meistens ist sie erst später beim Treffpunkt und hat dann eine Tüte dabei mit lauter nützlichen Sachen.