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DOX

Im DOX, Prags Zentrum für zeitgenössische Kunst, verläuft man sich leicht und landet, statt im nächsten Ausstellungsraum, in einer Sackgasse oder in der Museumsbibliothek. Überhaupt sind viele Räume nicht unbedingt dort, wo man sie erwartet: Im Ausstellungsflur eines der oberen Stockwerke stößt man auf die Toiletten, und zwischen zwei Ausstellungsräumen durchquert man das Museumscafé. Das Gebäude weiß um sein Verwirrpotenzial. The right way, the wrong way, the only way, steht auf Pfeilen, die alle in dieselbe Richtung zeigen. Are you lost? You first need to get lost to find yourself, auf Textpanelen an den Wänden.

Und irgendwann landet man auf der Dachterrasse und vor dem Gulliver, einer zeppelinförmigen Konstruktion aus Holz und Stahl, in der regelmäßig Filmvorführungen und andere Veranstaltungen stattfinden. Und während der Blick vom Gulliver auf eine Skulptur von Karel Nepraš schweift, die den Titel Family ready for Departure trägt und auf einem Bahngleis rollende Figuren zeigt, und von dort aus auf das Gebäude gegenüber mit seinen gläsernen Balkonen, die Fahrräder, Pflanzentöpfe, Sitzmöbel erkennen lassen, hat man den Eindruck, diese Balkone wären genauso Teil der Ausstellung.

Als wären diese gläsernen Balkone, die Fahrräder, Pflanzentöpfe, Sitzmöbel erkennen lassen, genauso Teil der Ausstellung

 

Später, vor dem Eingang zur U-Bahnstation Nádraží Holešovice eine Arbeit aus der Reihe Street Ghosts von Paolo Cirio wiederentdeckt. Der papiernen Frau an der Wand fehlen nun schon Teile einer Ferse und des Rückens. Ob sie durch den Filter des Kameraauges auf  Google Street View dennoch menschlich wirkt? Doch als ich sie ein paar Tage später dort suche, finde ich an ihrer Stelle nur noch Graffiti-Tags.

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Starý židovský hřbitov

Auf dem Alten Jüdischen Friedhof im Stadtteil Josefov wirken die Grabsteine wie aus dem Hügel gewachsen, sich mal nach links und mal nach rechts in die Höhe reckend. Die Steine sind schlicht, viele Inschriften schon verblasst. Nur wenige Grabmäler stechen hervor. Eines der etwas auffälligeren ist aus roséfarbenem Stein, ein Löwenemblem prangt in der Mitte und zwischen den Verzierungen liegen kleine Steine und zusammengefaltete Zettel. Zwei junge Männer mit dunklem Mantel, Hut und Schläfenlocke stehen daneben und sprechen ein Gebet, bevor sie sich gegenseitig mit dem Grabstein fotografieren. Eine Tafel an der Friedhofswand verrät, dass es sich um das Grab von Rabbi Löw handelt. Er war ein bedeutender jüdischer Denker des 16. Jahrhunderts und soll, einer Legende nach, auch den Golem erschaffen haben. Am Ausgang, in der Straße Richtung Altneu-Synagoge, reihen sich Souvenirstände, die den Golem als Tonfigur in unterschiedlichen Größen anbieten.

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Pražský hrad

Da sich auf dem Areal der Prager Burg, neben beliebten touristischen Sehenswürdigkeiten, auch die präsidiale Residenz befindet, werden beim Einlass die Taschen kontrolliert. Die Schlangen, die sich dabei vor den Wachhäuschen bilden, sind lang. Bunte Regenschirme ragen aus der Menschenmenge empor, Reisegruppen versammeln sich darunter, viele Sprachen werden gesprochen. Manche glauben noch, man könne am Ende der Schlange die Eintrittskarten erwerben (weitere Schlangen werden folgen). Auf dem Dachgiebel des Wachhäuschens ist ein Schild zu erkennen, das den Einsatz von Drohnen verbietet. Der Polizist geht gewissenhaft vor, lässt jede Tasche öffnen und einzelne Gegenstände herausnehmen. Ob die Taschen nach Drohnen oder etwas anderem abgesucht werden, wird nicht erklärt.

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Baustellen II

Man kann den Eindruck bekommen, dass Prag eine einzige große Baustelle ist. Überall wird gebaut, saniert, restauriert, neu errichtet. Kaum eine Straße, in der nicht irgendwo ein Baugerüst vor einer Fassade prangt, kaum ein Stadtteil ohne Kräne in der Skyline und Baulärm als Hintergrundrauschen. Selbst an manch bedeutendem Touristenmagnet wird gewerkelt. In der St. Nikolaus Kirche im Stadtteil Malá Strana ist das Hauptdeckenfresko aufgrund von Restaurierungsarbeiten verdeckt. Verdeckt ist auch die Fassade des Švanda Theaters, und manch Statue entfaltet, während sie aus dem Baugerüst, das sie gefangen hält, auszubrechen versucht, eine ganz neue plastische Wirkung. Moldaubrücken, wie der Negrelli-Viadukt, werden aufgrund von Baumaßnahmen derzeit nicht befahren. Im Viertel Holešovice, in dem sich bereits das DOX und die Dependance für Moderne Kunst der Nationalgalerie befinden, verrät ein Schild an einem derzeit noch baufällig wirkenden Gebäude, das 2020 an dieser Stelle ein Museum aus der Sammlung des Künstlers Miroslav Tichý (Contemporary International Art Beyond Cultural Definitions) eröffnet werden soll. Und in der Prager Neustadt, an der Spálená, findet man dort, wo man vor ein paar Tagen noch in die Straßenbahn eingestiegen ist, das Pflaster aufgebrochen und Schienenteile herausgenommen vor. Die Fahrstrecke wird natürlich umgeleitet.

Švanda Theater mit Baugerüst

St. Nikolaus mit verdecktem Deckenfresko

Statuen, die versuchen aus Baugerüsten auszubrechen, z.B. hier am Palackého náměstí

Baustelle: Negrelli-Viadukt

Platzhalter für eine neue Statue am Ende der Nerudova in Malá Strana

Aufgebrochene Strassenbahnstrecke an der Spálená

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Spiegel

Nach fast einer Woche in Prag zum ersten Mal den Ganzkörperspiegel auf der Innenseite der Tür eines der großen Schlafzimmerschränke entdeckt. Bisher froh gewesen über den im Treppenhaus, zwischen den Wohnungstüren im 2. Stock, ein prüfender Blick auf halben Weg hinauf oder hinunter, und auf den Moment gewartet, an dem die Nachbarn einen bei einem dieser Blicke ertappen würden.

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Stilechter Kubismus

Nach einigen Tagen in der Stadt bleibt man nur noch vor den imposantesten Jugendstil-Fassaden stehen. Hin und wieder stolpert man in Prag aber auch über kubistische Gebäude, zum Beispiel dort, wo die Neustadt in den Stadtteil Vyšehrad übergeht, und in der Nähe der Kirche St. Maria Schnee steht sogar eine kubistische Straßenlaterne.

 

Kubistische Häuser von Josef Chochol im Stadtteil Vyšehrad

 

Kubistisches Haus von Antonín Belada im Stadtteil Vyšehrad

 

Kubistische Straßenlaterne von Emil Králíček

 

Im Haus der Schwarzen Madonna ist ein kleines Museum zum tschechischen Kubismus untergebracht. Das Aufsichtspersonal ist überaus freundlich und engagiert oder sehr gelangweilt, vermutlich beides. Man wird aufgefordert, Fotos zu machen, obwohl das Kamerasymbol an der Tür durchgestrichen ist, doch die nachgebildeten Sitzmöbel auszutesten und ein Tangram-Puzzle zu lösen, das es durchaus in sich hat.

Haus zur Schwarzen Madonna von Josef Gočár

 

Das Grand Café Orient im 1. Stock geht beinahe nahtlos in die Ausstellung über. Mit Live-Musik vom Klavier im Hintergrund lässt man den Blick über die kubistisch inspirierte Inneneinrichtung schweifen und bestellt einen Apfelstrudel, der – stilecht – mit einem Vanilleeiskubus serviert wird.

Schon etwas weich, aber stilecht: Apfelstrudel mit Vanilleeiskubus

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Baustellen

Die Astronomische Uhr am Rathausturm wird restauriert. Sie wird von einem Baugerüst mit blauem Netz verdeckt und ein Schild erklärt, was sonst zu sehen ist. Zur vollen Stunde blicken trotzdem viele Köpfe eine Weile erwartungsvoll nach oben. Vielleicht tut sich ja doch was.

Dem Treiben auf dem Altstädter Ring tut dies keinen Abbruch. Menschen sitzen auf Bänken oder gleich mitten auf dem Platz zwischen lebenden Statuen, Straßenmusikern, Walking Acts auf Stelzen oder in einem Panda-Kostüm, und einem Seifenblasenkünstler.

Auch vor Kafkas Geburtshaus prangt ein Baugerüst. Eine Stadtführerin erklärt der spanischsprachigen Reisegruppe, die davor steht, dass sich gleich ein paar Meter weiter eine gute Wechselstube sowie ein gutes Bierlokal befindet.