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Inseln

Durch den sich schlängelnden Fluss hat man immerzu das Gefühl, die Stadt würde sich auf mehrere, gut voneinander isolierte Inseln verteilen. Und im Grunde ist es auch so. Ein dauerndes Gefühl der Überquerung entsteht, wenn man mit den Straßenbahnen über die Brücken gleitet, hinüber zur nächsten Insel, die dort hinten schon im Zwielicht wartet. Dagegen ist das Überqueren der Spree gar nichts, sie erahnt man nicht einmal über oder unter sich, denn Berlin hat seinen Fluss gut verbaut und versteckt zwischen all dem Beton. Hier aber atmet es noch, das Wasser, und während die Radlager kollern und quietschen, muss ich an das Kölner Rheinbrückengedicht von Arnold Stadler denken, den Kafka sicher auch nicht gerade geschätzt hätte, wegen seiner menschheitssehnsüchtigen Emphase, dessen Gedicht hier aber noch ein Äquivalent findet, wie es die heutigen Kölner Rheinbrücken, auf denen man so oft im Zugstau steht, schon gar nicht mehr hergeben. Stundenlang lässt es sich so von Insel zu Insel rollen, gleiten, schweben.

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etwas

etwas will den wider-
spruch beschrieben sehen, wünscht
sich, dass ich sage: da!
ich sage aber bloß
hügel, festung, fluss, trottoir,
damit ist die hälfte klar.

was fehlt? das sodom, archetypen,
gläserklirren, dröhnen, stadt
zum verirren, dichtermythen.
(widerspruch ist weit gefasst!)
sieh mal, wie die schwäne fliegen!
was heißt auf tschechisch eigentlich
verhüten? (abends siehst du mücken schwirren.)

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Russfassaden

Ja, es gibt sie noch. Trotz all der wohlverputzten, restaurierten, neucolorierten Blöcke ringsherum. Man muss nur oft genug hinaufschauen, dann sind sie ohne Weiteres zu entdecken, bevorzugt im Stadtinneren, also weg vom Fluss, auch wenn ich dieses Exemplar genau dort fand, noch am Fluss. Ein Wohnhaus, spätes 19. Jahrhundert, voller traumhafter und bewucherter Balkone, schwarz wie die Nacht, die hereinbricht. Links und rechts stehen zwei Artverwandte, schon befreit von den Spuren eines Jahrhunderts urbaner Witterung. Schon von scharfen Wasserdüsen gereinigt. Schon so übertüncht, dass es keinen Zweifel mehr gibt: es ist heute.
Aber mein Auge zieht das andere an, dessen Fassade seit Kafkas Zeiten nicht mehr überholt wurde. Es scheint mir ein Mekka des Wohnens, das Licht hinter seinen Scheiben wirkt einladender, geselliger, die Balkontür ist leicht angelehnt, ich meine Stimmen zu hören und frisch zubereitetes Essen zu riechen; ein Leben in einem anderen Jahrhundert.

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Großer Lärm

Feiern die Prager eine Art Dauersilvester? Etwa jeden dritten Abend geht einiges in die Luft rings des Flusses, mal von einer der länglichen Inseln aus, dann wieder auf der anderen Seite, aus einem Winkel zwischen den Patrizierhäusern und den begrünten Anhöhen. Plötzlich knallt es. Anfangs dachte ich, etwas sei mit den Gasleitungen, doch die wurden erst gerade kontrolliert. Verständlicherweise sind auch die Vögel ganz wirr, schwärmen auf und verteilen ihre Angstschreie über das Delta.
Sind es Herbstfeuerwerke? Was wird gefeiert? Oder sind die Anlässe nur ganz klein, werden aber für groß genug befunden, um sich alt- und neustadtweit bemerkbar zu machen? Die Tiere sammeln sich in den Winkeln, zwischen Lorbeerstuck und Firsten. Die Menschen in den Straßenschluchten zücken ihre iPhones.

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Umgebung

Das, was ich aus meinem Fenster sehe, darf man ohne Übertreibung eine Aussicht nennen. Unten rauscht die Moldau durch das Brückengebäude, in dem auch ein Kunst-Restaurant untergebracht ist. Alle Häuser entlang des Ufers sind pastellfarben, oder zumindest Jugendstil oder Art déco. Hinter der Moldau ist ein prächtiges Viertel zu erkennen, dann kommen schon die bewaldeten Hügel mit den orangenen Irrlichtern, und ganz oben der Prager Fernsehturm.
Offenbar ist er berüchtigt. Eine prominente, irrsinnige Show soll in ihm stattfinden. Im Gegensatz zum Schloss leuchtet er auch nachts. Von meinem Fenster aus habe ich ihn die ganze Zeit im Blick. So, wie er dort raketenartig aus dem nächtlichen Wald ragt, denke ich als Kirmeskind unentwegt, dort stünde ein Karussell. Mit dem man gleich noch fahren kann. Denn ist nicht noch viel los, dort draußen, hört man nicht noch Stimmen, und wird es nicht Herbst, also Kirmeszeit? Ein leichtes Kratzen im Hals spüre ich schon.

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Das Hiersein und die Sprache

Die ersten Tage: dem Gefühl des Hierseins gewidmet. Der fremde Ort wird begangen, wenn auch noch nicht systematisch erkundet. Ob das noch kommt? Die Erinnerung an einen Aufenthalt vor über zehn Jahren verrät nicht viel, nur ganz allgemeine Übereinstimmungen lassen sich ausmachen mit dem Heute, vielleicht die Karlsbrücke oder der Hradschin, den man, habe ich zumindest dazugelernt, am besten spätabends begeht, aber dann, wenn noch das Licht brennt.
Mein Polnisch hilft nur bedingt, eher habe ich die Vermutung, dass es mich sogar hindert beim ordnungsgemäßen Erwerb der tschechischen Sprache. Doch wenn das Gegenüber kein Englisch kann, was gar nicht selten ist, nur mit den Schultern zuckt, bleibt mir nichts übrig, als sie hinauszuschleudern, die polnischen Brocken. Und siehe da, auch wenn das Befremden auf der anderen Seite sogar eher zunimmt, gehört werde ich doch, und das wieder macht mir die Sache vielleicht etwas zu einfach, um mich aus meiner Sprachbequemlichkeit hinauszumanövrieren. Auf der anderen Seite gewinne ich so naturgemäß keine Blumenkübel. Ein ungünstiger Zwiespalt. Aber vielleicht sollte ich mir nur einen Engländer, der sein Deutsch in der Schweiz oder im Allgäu gelernt hat, in Schleswig-Holstein oder am Kölner Hauptbahnhof vorstellen, wie der dort an der Kasse oder beim Bäcker drauflos-angelschwyzerdütscht oder -bajuwart. Und schon bin ich bereit, es zu versuchen.

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hradschin am fenster. mondlicht, mittagslicht, immer licht.
fast wie frühling, was von der moldau heruberklimpert.
insel im zwielicht, das gestern im rücken der dielen. erster
gang hinauf bei nacht, menschenleere, nur der schutzmann
tritt mit poliertem absatz auf die gasse, nähert sich mir
wie im prozess, während ich zur tarnung die kamera zücke.

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wahltag. reisetag.

gestern noch berlin, gestern noch den klebrigen
staub auf der stirn. man muss nur an königswusterhausen vorbei,
schon ist böhmen nicht fern. vorher wald, flur
und tropical island, irgendwo hinter den leitplanken
wird die menschheit verraten. neben mir der asiate
tut als sei er nicht da. aus respekt vor dem endgerät?
unfall, unfall, autobahn: runter von der autobahn!
schon öffnen sich die böhmischen apfelalleen. gerippe
aus rost wie eh und je. da ist es wieder, dieses brachlandgefühl,
so lange vermisst. ostgefühl. von berlin aus schierer süden.